Stellen Sie sich bitte Folgendes vor: In Ihrer Stadt geht ein Brandstifter um. Zuerst brennt das Postamt, dann eine Schule, bald darauf ein Supermarkt. Es dauert nicht lange, bis ein Flügel des Rathauses in Flammen steht.

Und was macht der Bürgermeister? Er macht sich auf den Weg zu einer «Schwesterstadt», die zwölf Flugstunden entfernt liegt. Unmöglich, werden Sie sagen, so etwas würde ein Bürgermeister nie machen. Er würde das Kommando der Feuerwehr übernehmen und alle Kräfte mobilisieren, um das Feuer einzudämmen.

Stimmt. Ein Bürgermeister würde so etwas machen. Nur die Kanzlerin, von ihrem Volk liebevoll «Mutti» genannt, macht das Gegenteil. Mitten in der schwersten Krise der Bundesrepublik reist sie nach Indien, um dort über eine Intensivierung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit zu verhandeln. Das Thema duldet keinen Aufschub. Mit mehr als 1,3 Milliarden Einwohnern ist Indien ein wichtiger Markt für deutsche Unternehmen.

Derweil brennt daheim die Luft. Täglich kommen bis zu 10 000 «Schutzsuchende» ins Land, die Polizei, die freiwilligen Helfer, die kommunalen Stellen arbeiten «am Anschlag», es droht ein «Versorgungsnotstand». Niemand weiss, wie viele «Flüchtlinge» schon da sind und wie viele noch kommen werden. Nicht einmal die Kanzlerin, die den Notstand durch unbedachte Gesten und Worte mitverursacht hat. Sie verweilt am Ende des Ganges.

Noch erstaunlicher ist nur noch, dass die grossen, den Ton angebenden Medien sich mit Kritik am Verhalten der Kanzlerin energisch zurückhalten.

Dafür gibt es freilich eine organische Erklärung. Vorletzten Mittwoch, am 30. September, hat die Kanzlerin alle Intendanten der öffentlich-rechtlichen Sender zu sich ins Kanzleramt gebeten, man könnte sagen: einbestellt. Worum es bei diesem Treffen ging, wurde nicht bekannt, die Vermutung liegt nahe, es könnte eine «Intensivierung der Zusammenarbeit» gewesen sein. Auf eine diesbezügliche Anfrage antwortete ein Mitarbeiter der Kanzlerin, es habe sich um ein «informelles Treffen» gehandelt, über das es ­«keine Pressemitteilungen» geben würde.

So war es früher auch in der DDR üblich, wo die Kanzlerin ihr Handwerk gelernt hat.

 

(Henrik M.Broder ist deutsch-jüdischer Schriftsteller und hat u.a. viele Jahre im SPIEGEL publiziert – es gibt kaum einen profilierteren Journalisten, der der Deutschen immer wieder das eigene Unvermögen, die eigenen Dummheiten und letztlich das extrovertierte Gutmenschentum als Spiegel vorhält – Thomas Jürgewitz)